Protestanten

Die Reformation und ihre Folgen


Geum urbanum - Nelkenwurz
Geum urbanum

Zeitenwende. Große Änderungen kündigen sich um 1500 in Deutschland an. Vorbei sind die Zeiten des Mittelalters. Wie zur staufischen Blütezeit von Wimpfen sehen wir auch jetzt wieder mit Karl V. einen Kaiser, dessen Lebensmittelpunkt nicht in deutschen Landen liegt. Der Enkel von Kaisers Maximilian I. ist ein europäischer Monarch mit französischer Muttersprache, Herzog von Burgund und den Niederlanden, König von Kastilien und Aragon in Spanien, von Sizilien und Neapel in Italien und Besitzer umfangreicher habsburgischer Ländereien in Deutschland. Und ab 1519 auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Kriege mit Frankreich um die Vorherrschaft in Mitteleuropa und gegen das Osmanische Türkenreich im Osten kennzeichnen seine Regierungszeit. 1556 dankt er ab. Auch dies ein im Mittelalter undenkbares Zeichen der neuen Zeit.

Wen wundert es, dass dieser Kaiser nicht besonders aufgeschlossen war gegenüber der Reformation im deutschen Teil seines Reiches, der sowieso aufgrund der gewachsenen politischen Strukturen für ihn ein schwieriges Terrain darstellte. Eine feste Erbmonarchie, wie in den anderen Teilen seines Reiches oder in Frankreich gab es hier nicht. Der Deutsche König wurde zu dieser Zeit von sieben Kurfürsten gewählt, drei kirchlichen und vier weltlichen. Und so wurde Luthers Reformbewegung alsbald von der religiösen auf die politische Ebene getragen und führte wohl haupsächlich wegen dieser politischen Aspekte zu einer dauerhaften Spaltung der christlichen Kirche.

Natürlich kriselte es vorher schon gewaltig in der römischen Kirche. Das Papst-Amt war eingespannt in die oben schon erwähnten Bestrebungen Frankreichs, seine Stellung als einzig führende Nation in Europa zu festigen. Ab 1309 residierten Päpste im französichen Avignon, ab 1378 gab es zwei Päpste gleichzeitig, später kurzzeitig sogar drei. Erst auf dem Konzil von Konstanz 1417 wurde eine endgültige Kirchenspaltung mit knapper Not abgewendet. Das gleiche Konzil verurteilte auch den frühen tschechischen Reformator Johannes Hus zum Scheiterhaufen, was zu jahrzehtelangem Aufstand in Böhmen führte. Dass Reformen in der Kirche unumgänglich waren, war offensichtlich und weithin herbeigesehnt. Aber alle Bemühungen scheiterten an der uneinsichtigen Halsstarrigkeit der Päpste und der hohen geistlichen Würdenträger. Martin Luther traf 1517, hundert Jahre nach dem Konstanzer Konzil mit der Veröffentlichung seiner Thesen so voll den Geist der Zeit.

Zwei Jahre später wurde also der burgundisch-spanische Habsburger Karl zum deutschen König gewählt. Aber zu welchen Kosten! Mit einer enormen Summe verschuldete er sich bei dem Augsburger Fugger, und ebenso enorm waren die Zugeständnisse, die er den deutschen Fürsten machen musste. Luther suchte den Schutz und das Bündnis mit diesen nochmals erstarkten Landesfürsten, und so nahm das Verhängnis seinen Lauf, das in der Blutorgie des Dreißigjährigen Krieges in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

"Hier stehe ich und kann nicht anders!" soll Luther 1521 auf dem Reichstag in Worms Kaiser Karl V. entgegengerufen haben. Der Herr auf Burg Guttenberg, Dietrich von Gemmingen, war anwesend und hörte es mit Begeisterung. Entgegen dem kaiserlichen Standpunkt schlug er sich auf die Seite der Reformation. So fand neben mehreren anderen Anhängern der Reformbewegung 1522 auch der aus Heilbronn stammende und nun aus Weinsberg vertriebene Theologe Erhard Schnepf bei ihm Aufnahme und einen neuen Wirkungskreis. Von Neckarmühlbach aus wurde zunächst der ganze Ritterkanton Kraichgau reformiert. 1523 zog Schnepf in die nahe Stadt Wimpfen und heiratete dort Margaretha Wurzelmann, die Tochter eines der Ratsherren. Der damals 36jährige legte so praktisch mit obrigkeitlichem Segen den Grundstein für die Reformation in Wimpfen. Eine große Zukunft als Reformator und evangelischer Theologieprofessor lag noch vor ihm. Sein Lebenslauf zeigt aber auch exemplarisch die Streitigkeiten auf, die alsbald unter den Reformatoren um sich griffen. Doch das führt hier zu weit.

Polygonum aviculare - Vogelmiere
Polygonum aviculare

Die Zeit der schlimmsten Streitereien und Kleinkriege wurde vorerst 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden beendet. Kaiser Karl verhandelte hier schon nicht mehr, sondern als Vertreter sein Bruder Ferdinand. "Wes der Thron, des die Religion" hieß es jetzt. Die Kirche hatte sich endgültig dem regionalen Landesherrn unterzuordnen. Für die Reichsstädte wie Wimpfen war das natürlich eine prekäre Situation, waren sie doch juristisch direkt dem katholischen Kaiser unterstellt.

Man kann nicht sagen, dass sich die evangelische Konfession in Wimpfen problemlos und schnell durchsetzte. 1520 war gerade der große Neubau des Schiffes der Marienkirche (heutige Stadtkirche) im spätgotischen Stil fertiggestellt worden, von der Bild- und Figurenausstattung noch ganz im Geist katholischer Frömmigkeit. Erst 1566 erwirkte die Stadt die kaiserliche Erlaubnis, zwei lutherische Prediger einstellen zu dürfen, allerdings mit der Auflage, sich jeglicher Schmähungen zu enthalten, um den Frieden in der Stadt zu erhalten. Von Frieden konnte aber wohl keine Rede sein, und was folgte war eine jahrhundertelanges Trauerspiel von Zänkereien und Schikanen.

1570 erstritt der Magistrat der Stadt dann gegen das Bistum Worms für die Protestanten das Recht, die Stadtkirche gemeinsam mit den Katholiken nutzen zu dürfen. Vertragen hat man sich aber nicht, denn per kaiserlichem Dekret wurde noch im gleichen Jahr den Protestanten verboten, ihre Gottesdienste in dieser größten Kirche der Stadt abzuhalten. Stattdessen wurde ihnen die Spitalkirche angeboten oder alternativ eine Nutzung der Dominikaner-Kirche gemeinsam mit den Mönchen. Da die Spitalkirche aber zu klein war, entschied man sich für die Dominikaner-Kirche, die durch eine provisorische Wand zwischen Chor und Kirchenschiff aufgeteilt wurde. Fast zwei Jahrzehnte lang belästigte man sich gegenseitig nach Kräften, bis die Protestanten 1588 den Mönchen ihre Kirche wieder überließen und sich stattdessen mit Gewalt in den alleinigen Besitz der Stadtkirche brachten. Die Anzahl der Katholiken in der Stadt war jetzt auf weit unter hundert gefallen. Der Hass gegen die Dominikaner saß tief in den Wimpfenern. 1590 versperrte die Stadt ihre Tore vor einer großen Zahl von dominikanischen Würdenträgern, die im Wimpfener Kloster ein Generalkapitel abhalten wollten, mit der fadenscheinigen Begründung, die Zeiten seien zu unsicher, um so viele Fremde mit zweifelhaften Absichten in die Stadt zu lassen. Zehn Jahre später war die Zahl der Katholiken in Wimpfen auf etwa 20 gefallen.

Lactuca serriola - Kompass-Lattich
Lactuca serriola

Im Zuge der Gegenreformation versuchte während des Dreißigjährigen Krieges der Orden der Kapuziner in Wimpfen eine Niederlassung zu gründen. Alle Bemühungen, ein Haus zu erwerben, schlugen jedoch fehl, ja der Magistrat der Stadt verbot sogar allen Bürgern, den Kapuzinern irgendetwas zur Verfügung zu stellen. Die ließen ihre Beziehungen spielen und setzten sich unter dem Schutz von kaiserlichen Truppen, die damals in der Stadt lagen, 1635 mehr oder weniger mit Gewalt in den Besitz der Pfalzkapelle und eines danebenstehenden Hauses, das ihnen von dem auswärtigen Besitzer überlassen worden war. Erfolg war ihnen aber nicht beschieden, im Gegenteil, sie wurden ständig von den Wimpfener Bürgern belästigt, für die alles kaiserliche wegen der enormen Kriegslasten, die die Stadt zu tragen hatte, ein rotes Tuch war. 1641 lies man die zwei letzten Kapuzinermönche, als sie sich leichtsinnigerweise einmal aus der Stadt begeben hatten, anschließend einfach nicht wieder ein. 1650 schließlich, zwei Jahre nach dem Ende des Krieges, fasste der Wimpfener Rat den Beschluss, dass kein Katholik das Bürgerrecht von Wimpfen erwerben könnte, womit der traurige Höhepunkt der Intoleranz erreicht war.

Das Kloster der Dominikaner konnte sich allerdings in der "feindlichen" Umgebung gegen einigen Druck der Stadt halten. So verlangte der Rat z.B. 1607, die Mönche müssten für Warenlieferungen Zoll an die Stadt bezahlen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster, wie die Stadt Wimpfen überhaupt, praktisch völlig ausgeplündert. 1632 wurde es zusammen mit dem Stift im Tal auf Anordnung des Schwedenkönigs Gustav Adolf aufgelöst und ging für zwei Jahre in den Besitz der Stadt über. Nach der Niederlage des Schweden in der Schlacht von Nördlingen wurde für beide Institutionen der frühere Stand wieder hergestellt. Das Kloster bestand dann noch bis 1818. Spannungen gab es aber immer wieder. 1754 kam es z.B. zu einer wüsten Prügelei auf offener Straße, als die Dominikaner den verstorbenen katholischen Lehrer beerdigen wollten, was ihnen von der Stadt untersagt worden war.

Über sehr lange Zeit blieben so die Katholiken eine wirklich kleine Minderheit unter der Bevölkerung von Wimpfen. 1818 waren es z.B. nur 18 Personen. Das hat sich erst im letzten halben Jahrhundert geändert, zunächt durch den Zuzug von Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg, dann aber auch im Rahmen der allgemeinen Mobilität der Bevölkerung. Heute bestehen die Unterschiede auf religiösem Gebiet wohl eher zwischen den Christen - gleich welcher Konfession - und denen, die der Religion gleichgültig gegenüberstehen. Aber die Geschichte wirkt auch heute noch weiter: Die katholische Pfarrei Heilig Kreuz, deren Pfarrkirche die ehemalige Dominikanerkirche ist, gehört als Exklave zum Bistum Mainz, das die Nachfolge von Worms angetreten hat, mit dem die Geschichte Wimpfens tausend Jahre lang vielfältig verflochten war.