Über die Höhen zwischen
Schöntal und Ingelfingen

Karte 5 und Karte 6

Wegweiser Hohe Straße

Lebendige Hohe Straße

Die Anfahrt von Untereisesheim ist zu weit geworden für den Sonntag Morgen, wenn ich rechtzeitig zum Mittag wieder zu Hause sein will. Als ich diesmal auf dem Wanderparkplatz an der K2321 im Wald bei Schöntal parke, ist es Samstag Mittag und es regnet leicht. Bisher hatte mich Petrus immer mit Sonnenschein unterstützt. Heute gibt es sogar ab und zu lustloses Donnergrollen. Zwischendurch kommt aber auch mal die Sonne raus, besonders später am Nachmittag.

Der Parkplatz liegt im Gewann "Straßenschlag". So ähnliche Flurnamen gibt es entlang der alten Straße öfters. Emil Kost hat sie in seinem Artikel von 1948 ja ausführlich gewürdigt. Die K2321 folgt hier für 650m dem Verlauf der Hohen Straße. Sie ist etwas stärker befahren und breit ausgebaut, also nicht so gut für Fußgänger. Dem Verkehr auf die vergrasten und heute regennassen Seitenstreifen auszuweichen wäre auch kein Vergnügen. Ich nehme daher den Waldweg, der südwestlich vom Parkplatz abgeht und in einigem Abstand parallel zur Straße verläuft.

Windräder auf der Breitentaler Höhe

Windräder auf der Breitentaler Höhe

Man muss aber aufpassen und rechtzeitig wieder nach links zur Straße gehen. Nach den erwähnten 650m zweigt nämlich links von der K2321 eine kleine Straße in Richtung Westernhausen ab. Wer auf der Hohen Straße bleiben will, muss diesen Weg nehmen. Es geht gleich etwas hinunter in eine Senke. Rechts oberhalb der Straße am Hang sind noch mehrere alte, parallel laufende Geleise zu sehe. Überhaupt muss ich sagen, dass es sich lohnt, im Wald einmal links oder rechts nachzusehen. In dieser Gegend sind immer mal wieder Spuren alter Trassen zu entdecken. Die Wege waren früher ja noch nicht so festzementiert wie heute. War eine Stelle schlecht oder schwer passierbar geworden, dann suchte man sich einfach einen neuen Weg daneben.

Die öffentliche Straße nach Westernhausen biegt bald nach links ab. Die Hohe Straße geht als gut befestigter Waldweg geradeaus weiter. Ich habe sie wieder für mich allein. Es geht jetzt bergauf durch den Wald. Nachforschen in der Karte zeigt, dass die Straße mit der Durchquerung dieser Senke ihren Prinzipien nicht untreu geworden ist. Es ist tatsächlich die optimale Trasse auf der Wasserscheide zwischen Kocher und Jagst. Bald zeigt die Straße aber wieder ihren charakteristisch flachen Verlauf. Der Schöntaler Wald bleibt jetzt zurück, zuerst auf der Kocherseite, dann auch links zur Jagst hin. Von hier aus gibt es einen prinzipiell wunderbaren Weitblick, aber wegen des Regenwetters ist die Ferne doch grau verhangen und aus den Wäldern steigen Nebelfahnen auf.

Siedlung 'Hohe Straße'

Siedlung "Hohe Straße"

Wieder einmal kommt eine querende Landstraße in Sicht, diesmal die L1046 von Westernhausen an der Jagst nach Weißbach am Kocher. Etwas links ab liegt ein Weiler, der tatsächlich "Hohe Straße" heißt. Auch die Straße, die durch ihn hindurch Richtung Marlach führt, hat in den Karten den Namen Hohe Straße. Die "Echte" führt aber nicht da hin. Mein Feldweg mündet zunächst in die Kreisstraße K2320, die gleich eine Kreuzung mit der schon genannten Landesstraße. Aber auch der weitere Verlauf der Kreisstraße ist nicht die alte Straße. Ich nutze eine Lücke im Verkehr, um über die L1046 zu sprinten. Auf der anderen Seite muss ich eine Böschung hinunter kraxeln auf den dort verlaufenden Feldweg. Hier geht es nach rechts und 300m weiter auf der Höhe nach links.

Schon kommt das gewohnte Hohe-Straße-Gefühl wieder auf: Gerader und ebener Verlauf, am Wald entlang, der hier "Weide" heißt, wahrscheinlich ein Hinweis auf die frühere Nutzung als Hutewald. Die Feldgewanne rechterhand heißen Straßenschlag und Wallenstein. Von Emil Kost weiß ich ja, dass das nichts mit dem Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges zu tun hat, sondern mit dem verschwundenen Dorf Walchenstal. Auch der Volksmund irrt, meint Emil Kost, wenn er den Namen als Wallerstein = Wallfahrerstein deutet. Aber immerhin erinnert sich das Volk, dass die Hohe Straße wohl noch lange für die Wallfahrten nach Neusaß genutzt wurde.

Übersprühte Infotafel

Bereits früher ist mir hin und wieder die Beschilderung des Radwegs "Pfade der Stille" aufgefallen. Hier am Waldrand treffe ich auf einen seltsamen Fall von Vandalismus. Eine zum Radweg gehörende Informationstafel, die über die Hohe Straße informieren soll, ist systematisch mit blauer Farbe übersprüht. Es ist nicht der übliche Graffiti-Stil, sondern ganz systematisch ist die Schrift unleserlich gemacht worden. So weitab jeder Ortschaft kommt mir das vor, als ob jemand von Hass und Wut getrieben wurde, aus welchen Gründen auch immer. Mir gehen Gedanken über die alten religiösen Gegensätze zwischen den Potestanten im Kochertal und den Katholiken im Jagsttal durch den Kopf.

Wenig später findet sich in einem Wäldchen, das die Anmutung von Gärten ausstrahlt, ein unversehrter Bildstock, der die Jahreszahl 1614 trägt. Was ist nicht alles geschehen in den fast vierhundert Jahren seitdem? Wenig später zogen die Landsknechtshaufen des Dreißigjährigen Krieges über die Hohe Straße. Und vor sechzig Jahren war diese Gegend eine der letzten in Baden-Württemberg, wo deutsche Truppen den Alliierten noch Widerstand leisteten. Was es für eine Bewandtnis mit diesem Bildstock hat, weiß gewiss noch jemand, denn das Blumengesteck - wenn auch aus Kunststoff - war noch nicht sehr verstaubt. Vielleicht erhalte ich ja mal eine Rückmeldung aus Sindeldorf oder Diebach.

Bildstock von 1614 mit Kreuzigungsgruppe

Gleich danach kann man die Hohe Straße in ihrer prächtigsten Gestalt erleben: Eine Allee von Bäumen säumt den Wegrand. Dazwischen steht ein großes Holzkreuz. "Rette Deine Seele" heißt die kaum noch zu entziffernde Mahnung. Rechts liegen jetzt die Streuobstwiesen von Diebach, über deren Nützlichkeit eine Naturschutz-Informationstafel aufklärt. Es geht noch kurz durch ein lichtes Wäldchen, das noch den Charakter eines Hutewaldes bewahrt hat. Dann stehe ich an der Kreuzung mit der K2317, die von Diebach nach Sindeldorf hinüberführt, und damit am Ziel meiner heutigen Etappe.

Kocher und Jagst weichen hier immer weiter auseinander. Mehr Spielraum erhält die Hohe Straße dadurch aber nicht. Sie muss wieder einmal einen schmalen Grad zwischen zwei Tälern nutzen, und zwar im Süden das Tal des Langenbachs, der zum Kocher fließt, und im Norden das zur Jagst führende Sindelbach-Tal. Hier bei Diebach geht es rechts und links bergab, zum Sindelbach besonders steil. Da die Größenordnung der Bachtäler überschaubar ist, kann man an keiner anderen Stelle so anschulich erleben, wie die Hohe Straße die Wasserscheide nutzt.


Windräder und Rapsacker

Alternative Energie: Windkraft und Rapsöl

'Hohle Eiche' mit Marien-Statue

"Hohle Eiche" mit Marien-Statue

Durch offenes Land

Zur nächsten Etappe Ende Juli ist das Wetter warm, aber stark bewölkt. Es gibt mehrere starke Regenschauer. Startpunkt ist Diebach. Die beiden Bachtäler, die sich hier so stark nähern (Langenbach und Sindelbach) habe die Basis für die Entwicklung einiger Dörfer geliefert, die deutlich über die sonst in der Nähe der Hohen Straße liegenden Gehöfte hinausgeht. Im Sindelbachtal, dem hier die Altstraße für einige Kilometer parallel läuft, sind es mit Sindeldorf, Eberstal, Dörrenzimmern und Stachenhausen gleich vier in einer Reihe. Die Chronik berichtet sogar von Weinbau in früheren Jahrhunderten. Heute gibt es das nicht mehr.

Bei Diebach erreicht die Hohe Straße das Gebiet der Stadt Ingelfingen. Ingelfingen liegt im Kochertal, wo sich mit Forchtenberg, Weißbach, Niedernhall, Ingelfingen und Künzelsau ein kleines Ballungsgebiet von Städten entwickelt hat. Seit der Verwaltungsreform von 1972 greift die Fläche von Ingelfingen weit aus dem Kochertal hinaus und umfasst hier auf der Höhe ein Gebiet entlang der Hohen Straße mit 10 Kilometern Länge. Ich interpretiere das auch als ein Indiz für die historische Zusammengehörigkeit der Gemeinden entlang der alten Fernstraße.

Kurz hinter Diebach liegt das von Emil Kost im Altväter-Stil als Heiliger Hain bezeichnete Wäldchen. Die Hohle Eiche existiert auch noch, eine Madonnenfigur ist ebenfalls noch vorhanden. Die Figur im etwas kitschigen Lourdes-Stil scheint noch nicht besonders alt zu sein. Sie ist durch eine Plexiglas-Röhre geschützt. Der alte Baum macht einen erbarmungswürdigen Eindruck und trägt nur noch wenige belaubte Zweige. Auf dem Foto von 1948 sieht er noch wesentlich besser aus. Das hohle Innere ist schwarz verkohlt, und ein Schild warnt davor Kerzen aufzustellen. Nichts ist für die Ewigkeit! Der kleine Platz vor dem Baum ist mit zwei Bänken bestückt und liebevoll mit Blumenstöcken und Sträußen geschmückt. Die katholische Volksfrömmigkeit findet auch heute noch hier einen Fokus.

Hohe Straße bei Diebach

Hohe Straße bei Diebach

Heute will hier aber keine besinnliche Stimmung aufkommen. Trotz Samstag Nachmittag ist eine Straßenbaukolonne dabei, die Straße neu zu teeren. Überall stehen stinkende Gerätschaften, Maschinen-Ungetüme und Lastwagen fahren hin und her, die Luft ist voller beißendem Geruch. Später auf dem Rückweg ist der ganze Spuk verschwunden, und die Hohe Straße hat für einen Kilometer ein neues, schwarzes, noch warmes Kleid.

Heute geht es weitgehend durch offenes Land, das für Äcker, aber auch für Weiden genutzt wird. Die Hohe Straße folgt für ein kurzes Stück der K2316 (von Eberstal nach Ingelfingen), zweigt aber gleich wieder links ab, um zwischen den Hochholzhöfen hindurchzuführen. Schon kreuzt wieder eine Landstraße, diesmal die K2382 von Dörrenzimmern nach Ingelfingen. Kurz danach geht es kurz am Wald vorbei, wo auch einmal klar und deutlich die in der Karte verzeichneten Hügelgräber zu sehen sind, noch halb in der Wiese liegend.

Grabmahl Arnod

Links der Straße etwas weiter unten Richtung Dörrenzimmern liegt jetzt der Bühlhof. Er erlangte in den 1930er Jahren dadurch Bekanntheit, dass dort der glühende Nationalsozialist, Mitglied des Reichstags und Landes-Bauernführer Alfred Arnold wirtschaftete, wie ich später bei der Recherche im Internet feststelle. Rechts der Straße liegt hier ein kleiner, mit einer Hainbuchenhecke eingefriedeter Bereich mit der Anmutung eines Friedhofs. Ob es sich um eine private Grablege für den Bühlhof handelt? Irgendwie ist es eine späte Reminiszenz and alte Traditionen, Gräber an Heer- und Hauptstraßen anzulegen. Jetzt ist nur noch ein offensichtlich sehr altes Steinkreuz vorhanden. Dann eine Art Ehrenmal, vom Stil her neueren Datum und symbolträchtig gestaltet. Es trägt die Inschrift: "Es soll nie aufhören. AA". AA steht wohl für Alfred Arnold. Außerdem sind noch zwei liegende Gedenktafeln vorhanden, eine für Philipp Daum, 1945 im Alter von 18 Jahren gestorben (oder gefallen), und eine für Alfred Arnold, 1944 in Ostpreußen gefallen. Er wird wohl der Sohn des Bauernführers gewesen sein.

Hohe Straße beim Bühlhof

Hohe Straße beim Bühlhof

Bald beginnt rechts vom Weg der sogenannte Kirchberger Wald. Da es in der Nähe kein Kirchberg gibt, spekuliere ich mal, dass der Wald hier früher von der 25 Kilometer entfernten Stadt Kirchberg an der Jagst genutzt wurde. Solche entfernten Wälder waren nicht unbedingt eine Seltenheit, denn größere Orte konnten im Mittelalter ihren Holzbedarf oft nicht in der Nähe decken. Die Lage an der Hohen Straße ist insofern günstig, dass die Fernstraße für den Transport genutzt werden konnte. Die hier von mir beschriebene Strecke überquert die Jagst bei Heimhausen, weit entfernt von Kirchberg, und geht weiter in Richtung Rothenburg. Aber wie bei Emil Kost nachzulesesen, zweigt bei Hermuthshausen eine Nebenstrecke ab, die weiter über die Höhen zwischen Kocher und Jagst bis nach Kirchberg führte. Hier am Kirchberger Wald, der heute zu Ingelfingen gehört, endet meine heutige Etappe.