Über die Höhen zwischen
Jagsthausen und Forchtenberg

Karte 4 und Karte 5

Die Hohe Straße taucht aus dem Harthäuser Wald auf

Die Hohe Straße als unscheinbarer Weg in den Harthäuser Wald hinein ins Gewann "Straßenschlägle" (bei Neuzweiflingen)

Nahe an Kocher und Jagst:
Vom Ende des Harthäuser Waldes bis zum Edelmannshof.

Inzwischen ist es Juli geworden, und ich habe mir die nächste Etappe vorgenommen. Mein Auto steht auf einem Waldparkplatz an der K2016 bei Buchhof. Nach weniger als einem Kilometer bin ich an der Stelle, an der ich das letzte Mal umgekehrt bin. Als ganz unspektakuläres Waldwegchen kommt unsere Altstraße hier aus dem Schatten des Waldes heraus.

Jetzt geht es zunächst am Waldrand entlang. In meiner Karte steht hier "Wüstenzweiflingen". Ich steige einmal eine Viertelstunde im Wald herum, doch Spuren der Wüstung Zweiflingen kann ich auf die schnelle nicht entdecken. Vor mir liegt jetzt Neuzweiflingen, auch als Trautenhof bezeichnet. Nur 5 km Luftlinie von hier, südlich des Kochers im Hohenlohischen, liegt der Ort Zweiflingen. Mir kommen Zweifel. Welches ist denn jetzt das echte Zweiflingen? Oder doch nur Zufall?

Hohe Straße bei Neuzweiflingen

Hohe Straße bei Neuzweiflingen.
Blick zurück nach Westen.
Rechts vom Weg im Wald lag die ursprüngliche Siedlung Zweiflingen.

Der Blick vorwärts nach Osten zeigt: es wird abwärts gehen. Nun habe ich ja schon mehrfach geschrieben, dass die Reisenden der alten Zeiten Steigungen und Gefälle vermieden, wo immer es ging. Hier ging es nicht anders. Grund dafür sind unsere zwei begleitenden Flüsschen, die Jagst und der Kocher. Sie kommen sich hier auf weniger als 1,5 km nahe. Nur kurz vor der Mündung in den Neckar bei Heuchlingen ist der Abstand noch ein wenig geringer. Zwanzig Meter haben die Kräfte der Erosion gegenüber dem Ende des Hardthäuser Waldes an der tiefsten Stelle beim Pfitzhof schon abgetragen. Etwa achzig Meter ist der Höhenrücken zwischen Kocher und Jagst noch etwa hoch. Könnte man einige zigtausend Jahre in die Zukunft reisen, dann würde man vielleicht feststellen, dass der Rücken ganz durchbrochen und die Jagst ein Nebenfluss des Kochers geworden ist. Der Kocher liegt hier nämlich 15 Meter tiefer als die Jagst.

Die vor mir liegenden Höfe sind charakteristisch für den nun folgenden Teil der Hochfläche zwischen Kocher und Jagst. Jeder war früher sicher der Sitz einer einzelnen Bauernfamilie. Auch heute noch sind die meisten ladwirtschaftlich geprägt und bestehen nur aus einer handvoll Häusern. Es siedeln sich wegen der günstigen Grundstückspreise aber auch immer mehr Städter auf den Höfen an. Beim Mittleren Pfitzhof ist sogar ein veritabeles Neubaugebiet entstanden.

Gelbes Labkraut

Gelbes Labkraut

Ab Neuzweiflingen folgen für etwa neun Kilometer öffentliche Straßen der alten Trasse der Hohen Straße. Es ist hier aber nicht anders als auf der ersten Etappe bei Jagstfeld: Der Hauptverkehr läuft Quer zu meinem Weg. Man kann sich also durchaus auf der Straße als Fußgänger bewegen, ohne allzu sehr von Fahrzeugen genervt zu werden. Die Wenigen, die an mir vorbeifahren, schauen meist etwas irritiert. Ein Fußgänger auf diesen Straßen ist seltsam, um nicht zu sagen verdächtig.

Ich gehe also wieder los, hinüber nach Neuzweiflingen / Trautenhof. Der kleine Weiler ist vor allem bei Motorradfahrern bekannt. Seit 1979 findet hier in den Sommermonaten alle vier Wochen ein Motorradgottesdienst statt, zu dem sich anscheinend immer so um die 1000 Biker einfinden. An "meinem" Sonntag gibt es keinen Gottesdienst, ein paar Biker aber schon. Später auf dem Rückweg werden mir schon aus größerer Entfernung zwei Gestalten auffallen, die am Straßenrand neben ihren Maschinen hocken. Die eine Maschine ist unversehrt aufgeständert, die andere liegt im Graben und hat ein paar hübsch verchromte Teile verloren. Der eine Fahrer schaut betreten drein, der andere blutet aus ein paar Schürfwunden. Sonst ist nichts passiert. Aber der Jammer um die schöne Maschine ist schon groß! Diese heimtückische Kurve!

Autobahn-Jagsttalbrücke

Autobahn-Jagsttalbrücke

Aber jetzt geht es erst einmal bergab am Äußeren Pfitzhof vorbei und zum Pfitzhof hinüber. Hier steht direkt an der Straße eine Gastwirtschaft, wohl ebenso wie der Seehof im Harthäuser Wald ein Relikt aus alter Zeit, als es noch mehr Verkehr auf der Hohen Straße gab. Mehr Verkehr gibt es auf der Straße, die kurz darauf die Hohe Straße quert. Gerade quälen sich ein paar Radfahrer den steilen Anstieg von Jagsthausen herauf, um dann die rasante Abfahrt nach Sindringen hinab zu genießen.

An dieser Kreuzung endet wohl auch der von den Römern genutzte Teil der Hohen Straße. Unten in Jagsthausen errichteten sie um 150 n.Chr. ein Kastell an der damals neuen Limes-Linie. Um 245 n.Chr. wurden anscheinend letzmals Reparaturarbeiten am Bad des Kastells durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war der innere Zerfall des Römischen Reiches schon so weit fortgeschritten, dass man den jährlichen Einfällen germanischer Plündererscharen kaum noch etwas entgegenzusetzen hatte. Zwanzig Jahre später gab es praktisch keine römische Ordnungsmacht mehr östlich des Rheins, und allmählich begannen die Alamannen damit, sich in den herrenlosen Gebieten anzusiedeln. Einige Orte der Gegend mit der Endung -ingen führen ihre Gründung auf diese Zeit zurück.

Wasserturm beim Edelmannshof

Wasserturm beim Edelmannshof

In besseren Zeiten hatten die Römer hier ihre als Limes bekannte Grenzlinie errichtet, die wohl eher eine unübersehbare Grenzmarkierung war und kaum ein wirkliches Hindernis darstellte. Nach der Kreuzung geht es steil bergauf. An einer Stelle ist rechter Hand noch ein Stück Hohlweg von einem älteren Straßenverlauf zu sehen. Oben, zwischen den Abzweigungen zum Teichhof und zum Hof Im Hölzle, kreuzte wohl der Limes die Straße (siehe Karte 4). Nach den Karten der Limeskommission lagen in Sichtweite der Straße sechs Wachtürme, davon einer direkt an der Hohen Straße. Für Wege, die dem wirtschaftlichen Austausch dienten, gab es viele bewachte Durchgänge am Limes.

Die Straße stellt hier für einige hundert Meter die Gremze zwischen dem Landkreis Heilbronn und dem Hohenlohekreis dar. Ein wichtiges Indiz, dass ich noch auf dem rechten Weg bin, soll man Emil Kost glauben. Rechter Hand liegen der Teichhof und der Hölzleshof, die zu Forchtenberg gehören. Dann kommt der Edelmannshof in Sicht. Sein Wahrzeichen ist der Wasserturm und noch etwas, aber das erzähle ich erst bei der nächsten Etappe. Das heutige Ziel ist jedenfalls erreicht. Erfreut stelle ich fest, dass ich das nächste Mal direkt dem Edelmannshof gegenüber im Wald parken kann. Dann gehts zurück zum Parkplatz am Buchhof.

Pfitzhof mit Gaststätte

Pfitzhof mit Gasthaus an der Hohen Straße bei Jagsthausen. Blick nach Westen.
Links hinten der Äußere Pfitzhof. Die Hohe Sraße kommt von der Waldecke im mittleren Hintergrund.

Edelmannshof

Edelmannshof.
Blick zurück nach Westen.

Vom Edelmannshof
zum Wanderparkplatz
im Wald bei Kloster Schöntal

Eine Woche später parke ich schon früh am Morgen im Wald beim Edelmannshof, und gleich empfängt mich das zweite Wahrzeichen dieser Ansiedlung. Ein anscheinend gut florierender Schweine-Mastbetrieb breitet eine mächtige Geruchswolke über die Gegend aus. Mich stört das nicht weiter. Da ich selber von einem kleinen Bauernhof stamme, heimelt es eher an.

Der Straßenverlauf ist hier ganz flach. Ein kurzes Stück hinter dem Hof fallen mir links im Wald Überreste einer älteren Straßenführung auf. Der moderne asphaltierende Straßenbau hat halt doch vieles begradigt und die meisten Spuren des alten Weges unter sich begraben.

Tausendgüldenkraut

Tausendgüldenkraut

Hier komme ich tatsächlich einmal mit jemand ins Gespräch, der hier in der Gegend wohnt. Ein Läufer absolviert auf der ruhigen Straße seine sonntäglichen Trainingseinheiten. Er ist mir bei der letzten Etappe vor einer Woche schon einmal begegnet. Jetzt hält er neugierig an und wir kommen ein wenig ins Gespräch. Ja, er kennt das Thema Hohe Straße und weist mich auch auf die Gaststätte in Pfitzhof und die noch vor mir liegende Wallfahrtskirche Neusaß hin, bevor er seinen Lauf wieder aufnimmt. Außer dem Rentner bei Herbolzheim und dem Läufer hier beim Edelmannshof habe ich auf allen elf Etappen von Jagstfeld bis Heimhausen keinen einzigen Fußgänger getroffen.

Es geht jetzt hinein in den Wald und die Straße steigt etwas an. Doch schon nach einem Kilometer öffnet sich der Wald wieder und der Weiler Neuhof liegt vor mir. Hier endet der Landkreis Heilbronn und ich bin endgültig in Hohenlohe, und zwar auf dem Gebiet der großen Sammelgemeinde Schöntal. Sie hat ihren Namen nach dem traditionsreichen Kloster Schöntal an der Jagst. Die Geschichte der Mönche dort endete nach 750 Jahren im Jahre 1802 mit der von Napoleon veranlassten Enteignung der Kirchengüter. Die prächtigen Barockbauten sind aber noch heute ein Besuchermagnet. Und der berühmt-berüchtigte Ritter Götz von Berlichingen liegt auch dort begraben.

Bildstock bei Kloster Schöntal-Neuhof

Bildstock von 1725
bei Neuhof.

Bei Neuhof treffen fünf Straßen aufeinander. Wer der Hohen Straße folgen will, muss die zweite Straße rechts nehmen. Geradeaus geht der Weg steil hinunter zum Kloster. Links geht es zur Jagst nach Berlichingen und scharf rechts zum Kocher nach Forchtenberg. Diese Konzentration an Wegen kann neben den geografischen Gegebenheiten auch mit dem bemerkenswertesten historischen Platz an der Hohen Straße zusammenhängen, der kleinen Wallfahrtskirche von Neusaß.

Fünfhundert Meter nach der Kreuzung zweigt links ein kurzer Weg ab. Hier konzentrieren sich gleich mehrere Sehenswürdigkeiten: Die vermutlich 1152 erstmals gegründete kleine Wallfahrtskirche, die Maria geweiht ist. Man vermutet, dass zunächst hier vorgesehen war, eine Filiale des Klosters Maulbronn zu errichten. Wenige Jahre später überlegten es sich die Mönche anscheinend anders und bauten ihr Kloster hinunter ins Jagsttal. Neben der Kapelle von Neusaß gibt es eine kleine Quelle, der seit eh und je Heilkraft bei Augenleiden nachgesagt wird. Leute mit viel Fantasie meinen sogar, die Quelle sei schon in vorchristlicher Zeit ein heiliger Ort gewesen.

Neusaß

Blick von der Hohen Straße über den ehemaligen Marktplatz
auf die Linde, das Forsthaus und (fast verdeckt) die
Wallfahrtskapelle von Neusaß.

Bevor man zu der Kapelle kommt liegt links ganz profan ein stattliches Forsthaus mit einer wirklich stattlichen Linde, deren Alter auf über vierhundert Jahre geschätzt wird. Auch dieses Forthaus war eine der weltlichen Einrichtungen des Zisterzienserklosters im Tal.

Zwischen der Hohen Staße und diesem Ensemble liegt eine dreieckige Parzelle, die heute noch in den Karten als Marktplatz bezeichnet wird. Aus dem Jahr 1397 ist eine Urkunde bekannt, in der von König Wenzel dem Faulen offiziell die Genehmigung erteilt wird, hier Märkte abzuhalten. 1887 fand anscheinend letztmals ein Markt statt. Ich denke an dem Haupt-Wallfahrtstag Anfang August, der heute noch gefeiert wird. Diese Jahr (2007) ist der Marktplatz-Acker erstaunlicherweise mit Erbsen bepflanzt, vielleicht nur eine Maßnahme zur Bodenverbesserung.

Die Hohe Straße ist in dieser Gegend im Bewusstsein noch sehr präsent. An einigen Stellen an der Straße weisen Holzschilder auf sie hin. Der Name taucht auch auf den Wanderweg-Beschilderungen auf und wird auch auf den Informationstafeln am Parkplatz bei Neusaß erwähnt. Auch eine Strecke des 2006 neu ausgewiesenen Radwegnetzes "Pfade der Stille" führt kilometerweit über die Hohe Straße. Die entsprechenden Informationstafeln weisen ebenfalls darauf hin, wenn auch ein wenig esoterisch angehaucht.

Rotes Kreuz

Rotes Kreuz

Von der alten Straße hat man hier einen wunderbaren Fernblick weit über das Jagsttal hinaus. Sie führt allerdings jetzt wieder in den ausgedehnten Klosterwald hinein. Links am Eingang zum Wald kann man leicht im Schatten der Bäume das große, 1792 von Förster Schad gestiftete Rote Kreuz übersehen. Nach weniger als einem Kilometer komme ich zu einem Wanderparkplatz an der K2377, die die Haupt-Verbindungsstraße von Schöntal an der Jagst nach Forchtenberg am Kocher ist. Dementsprechend herrscht etwas mehr Verkehr.

Der Parkplatz bietet sich als Ausgangspunkt für die nächste Etappe an, und so kehre ich für heute um. Auf der Karte sind etwas hangabwärts in Richtung Kocher im Wald drei Grabhügel eingezeichnet. Ich einen stöbere noch eine Viertelstunde im Wald herum, ohne die Hügel allerdings entdecken zu können. Dafür bin ich aber an drei sehr idyllisch im Wald gelegenen Fischteichen vorbei gekommen.

Noch ein paar Anmerkungen zu Gewässern im Gebiet zwischen Kocher und Jagst. Dazu muss etwas zur Geologie gesagt werden. Kocher und Jagst haben sich in der Gegend, die ich durchwandere, tief in den Muschelkalk eingeschnitten. Dieses Gestein bringt aus irgendwelchen hydrodynamischen Gründen die Flüsse dazu, geradezu bilderbuchmäßige Mäander zu bilden, die besonders im Jagsttal den Reiz der Landschaft ausmachen. Die oberen Schichten des Muschelkalk sind sehr wasserdurchlässig. Auf den Höhen liegt teilweise auf dem Muschelkalk noch Keuper. Dieses fein lehmig verwitternde Gestein dichtet den Boden ab. So findet man z.B. in der Schöntaler Gegend zahlreiche Teiche, viele von ihnen von dem Kloster als Fischteiche angelegt. Im Straßengraben sind auch oft feuchtigkeitsliebende Pflanzen wie Baldrian, Kohldistel Wasserdost und Blutweiderich anzutreffen. An anderen Stellen ist der Keuper schon ganz abgetragen. Das sind dann ärmere Böden mit Wassermangel. Sie neigen dazu, Dolinen zu bilden, in denen manchmal kleinere Bäche einfach verschwinden. Da die Gesteinsschichten nach Südwesten geneigt sind, also von der Jagst zum Kocher hin fallen, wird vermutet, dass an manchen Stellen sogar Wasser von der Jagst einfach versickert und unterirdisch in Richtung Kocher fließt.