Von Jagstfeld nach Kreßbach

Karte 1 und Karte 2

Hohe Straße in Jagstfeld

Hohe Straße in Jagstfeld.
Die Landstraße biegt hier am Solefreibad nach rechts ab,
die Hohe Straße geht als Feldweg geradeaus.

Den westlichen Anfang der Hohen Straße zu finden ist nicht schwer. In Jagstfeld heißt der traditionsreiche Beginn tatsächlich "Hohe Straße".

An einem ungewöhnlich heißen Samstagmorgen Mitte April 2007 parke ich bei der Kocherwaldhalle in Jagstfeld. Die Hohe Straße führt recht zielstrebig geradeaus stadtauswärts. Hier, schon außerhalb der Stadt, wird zwischen der Straße und dem Kocherwald mit großem Aufwand an Erdbewegung gerade (2007) ein neuer Sportpark angelegt. Gleich anschließend liegt rechts das Solefreibad, trotz der schon hochsommerlichen Temperatur um diese Jahreszeit noch menschenleer. Hier biegt die Autostraße nach rechts ab in Richtung Hagenbach, die Hohe Straße führt als Feldweg geradeaus und leicht bergauf. Das ist aber schon das steilste Stück auf der heutigen Etappe. Die Ortsmitte von Jagstfeld liegt auf einer Höhe von 160m. Hier steigt der Hohlweg bis auf 200m. Auf dem Rest der Strecke geht es dann mit leichtem Auf und Ab allmählich höher, bis in der Nähe von Kreßbach 260m erreicht werden.

Nach einer kurzen Hohlwegsteigung zwischen alten Bäumen kreuzt der Weg bei der sogenannten Heuchlinger Spitz die erste moderne Straße, hier die von Kochendorf nach Heuchlingen. Mehrere andere solche Kreuzungen werden folgen. Die Hauptverkehrsadern verlaufen heutzutage im Kochertal und im Jagsttal und verbinden die Ortschaften, die in den Tälern wie Perlenketten aufgereiht sind. Den Höhenrücken, über den die Hohe Straße verläuft, queren immer wieder die Fahrstraßen vom Kocher zur Jagst und umgekehrt. Eigentlich wäre die alte Trasse hier die ideale Umgehungsstraße für die Orte in beiden Tälern.

Wegekreuz und Gaspfahl

Über den Verlauf der Hohen Straße kommen auf diesem ersten Abschnitt keine Zweifel auf. Er ist mit einem Wort beschrieben: geradeaus. Emil Kost beschrieb diesen Teil 1948 noch als stark vergrast. Die Motorisierung der Landwirtschaft hat wohl dafür gesorgt, dass der Weg heute über weite Strecken traktorgerecht befestigt ist, meistens als zwei Betonstreifen, wie auf dem Kopfbild dieser Seite zu sehen ist.

Früher zumindest in katholischen Gegenden ein häufiger Anblick an der Straße: Wegekreuze. Hier an der Hohen Straße sind heute andere Bildstöcke zu finden: Eine Ferngasleitung nutzt die Trasse. Ihre gelbe Beschilderung begleitet den Weg auf einen großen Teil dieser Etappe. Dass man ein solches Ding direkt neben ein Wegkreuz stellen musste, finde ich eine unnötige Gedanken- und Geschmackslosigkeit.

Wie Emil Kost schon beschrieb, verlaufen häufig an der Hohen Straße die Grenzen zwischen Gemeindemarkungen und auch größeren politischen Einheiten. Südlich der Straße war Württemberg, traditionell evangelisch. Nördlich der Straße war früher badisches Gebiet, eher katholisch. "Ob wohl ein Württemberger verantwortlich für die Plazierung der Gaspfähle war?", geht es mir durch den Kopf. Nun, solche Zeiten der kleinen Stiche zwischen den Schattierungen der Christen sind bei uns gottlob vorbei!

Gut Willenbach bei Oedheim

Schon nach etwas über einem Kilometer kreuzt die nächste Straße, diesmal die von Oedheim am Kocher wiederum nach Heuchlingen. Die Domäne Heuchlingen im Jagsttal gehört zu Bad Friedrichshall, besteht nur aus wenigen Gebäuden und beherbergt heute ein Obstversuchsgut der Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg. Links der Hohen Straße liegen jetzt ihre wohlgeordneten Obstgärten. Rechts in Richtung Kochertal ist der Hof Willenbach zu sehen, der im Besitz der Freiherren Capler von Oedheim ist.

So wie hier sind nur selten traditionelle Gebäude von der Hohen Straße aus zu sehen. Die alten Ortskerne der Ortschaften in den beiden Tälern bleiben meist unsichtbar. Die Reisenden früherer Zeiten hatten als Orientierung wohl nur die Spitzen der Kirchtürme. Heute treten in etwas größerer Entfernung regelmäßig die sich hangaufwärts ziehenden Neubaugebiete ins Blickfeld.

Blühender Kirschbaum

Dieser erste Teil der Hohen Straße bis Kreßbach verläuft in einem seit eh und je landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiet. Die Keuper-Gesteine des Untergrund sind von einer bis zu 12m mächtigen Schicht von fruchtbarem Löss überdeckt. Zahlreiche Funde aus der Jungsteinzeit belegen eine Besiedlung der Gegend schon vor weit über 2000 Jahren. Auch aus römischer Zeit gibt es viele Zeugnisse. Hier ganz in der Nähe, bei den Oedheimer Sportplätzen im Wald, sind Überreste eines typischen römischen Landgutes (villa rustica) zu finden. Im Volksmund wird die Hohe Straße auch über weite Strecken "Römerstraße" genannt.

Die Lage von Willenbach rechts der Straße (Kocherseite) ist recht typisch für diese Gegend. Kocher und Jagst teilen sich das Wasser hier nämlich nicht gerecht. Der größte Teil der Bäche fließt Richtung Süden zum Kocher. Zur Jagst hin gibt es nur wenige, klammartige Tälchen. Da die Hohe Straße immer etwa der Wasserscheide folgt, liegt ihr Verlauf meistens näher an der Jagst. Platz für Gehöfte gibt es an den steilen Jagsthängen nicht. (Heuchlingen bildet die Ausnahme). Eineinhalb Kilometer nach der Willenbacher Abzweigung führt der Weg an einer dafür sehr charakteristischen Stelle vorbei. Links ist in geringer Entfernung der Hangwald an der Jagst (Jagsthälde bei Untergrießheim) zu sehen. Die Jagst ist kaum einen halben Kilometer entfernt. Rechts führt ein flaches Bachtälchen Richtung Falkenstein am Kocher.

Dolden Milchstern - Ornithogalum umbellatum

Dolden-Milchstern
Ornithogalum umbellatum

Meine bevorzugten Spazierwege sind sonst normalerweise kleingliedrig und mit abwechslungsreichem Wildpflanzenbestand - ich bin ja ein Botanik-Fan. In dieser Richtung hat die Hohe Straße hier sehr wenig zu bieten. Wie heutzutage überall in der Feldflur, bieten die schmalen Wegränder nur wenig Lebensraum für wildes Kraut, und dann auch nur für wirklich robuste Arten, die auch einmal einen Schwall Spritzmittel überleben. Da freut es besonders, wenn hin und wieder doch ein etwas ungewöhnlicheres Blümchen einen kleinen Lebensraum behalten hat.

Der Reiz der Hohen Straße liegt hier nicht im Kleinen, er liegt im Großen. Noch gibt es keinen hohen Bewuchs auf den Feldern, kaum etwas fesselt den Blick in der Nähe. Nur viele der entlang der Straße stehenden Bäume stehen schon in weißer Blütenpracht und tragen zum eindrucksvollen Reiz des Bildes bei. Bei Fußgängertempo zieht die Landschaft wie in extremer Zeitlupe vorbei. Den Augen bietet sich im strahlenden Sonnenschein eine unerschöpfliche Vielfalt an Details in der Ferne. Immer wieder ziehe ich meine Karte zu Rate um zu enträtseln, was das denn ist, was ich da weit jenseits des Kocher- oder Jagsttales sehe.

Blick über Baumstumpf zum Kochertal

Ein Wahrzeichen der Hohen Straße existiert leider nicht mehr: An einem Ehrenmal für vier am Ende des zweiten Weltkriegs hier gefallene Soldaten stand bis vor kurzem ein mächtiger Solitärbaum, wohl eine Pappel. Hier auf der Höhe war er von weit her zu sehen. Schon vor Jahren war er mir vom Weg zwischen Untereisesheim und Wimpfen aus ins Auge gesprungen, aber irgendwie war ich nie hierher gekommen. Hier treffe ich den ersten und einzigen Spaziergänger, der heute außer mir auf der Hohen Straße unterwegs ist. Er ist schon einige Jahre Rentner und geht hier öfter spazieren. Es sei ein schönes Stück von Neudenau herauf, aber seit seiner Operation soll er sich viel bewegen. Ja, er weiß, dass das hier eine alte Straße ist, aber sie ist doch schön befestigt, und heute will er noch ein Stück Richtung Untergrießheimer Abzweigung gehen. Schönen Tag noch!

Links vom Weg kommt zieht sich jetzt das flache Kreßbachtal von Herbolzheim her hoch. Der Kreßbach verläuft fast parallel zur Jagst, um das Wasser auf dem schmalen Streifen einzusammeln, den die Kocherzuflüsse ihm lassen. Auf der Kocherseite der Straße steigen Staubfahnen auf: In der Hitze bilden sich Luftwirbel, Windhosen, die den frisch bearbeiteten, knochentrockenen Boden aufwirbeln. Unwillkürlich schweifen die Gedanken ab zu den Winden der Eiszeit, die diese Lössböden als Staub hier abgelagert haben. Einen Kilometer weiter steigt eine mächtigere Staubfahne auf: Ein Bauer bearbeitet mit einem dieser gigantischen heutigen Traktoren seinen Acker. Monoton Bahn neben Bahn zieht er ein Gerät durch die Ackerkrume, für das ich noch nicht einmal einen Namen weiß, obwohl ich doch aus einer Bauernfamilie stamme. Welten liegen zwischen der Landwirtschaft von 1960 und der von 2007!

Hohe Straße am Kreßbachtal

Kurz hinter einem mit schattenspendenden Bäumen umstandenen Wasserhaus kreuzt mal wieder eine Autostraße, diesmal die Verbindung von Stein am Kocher nach Neudenau an der Jagst. Wie immer geht es geradeaus weiter. Bald knickt der befestige Weg scharf rechts ab Richtung Stein, und hier kommen erstmals Zweifel auf: Dieses krautige, kleine Feldwegchen soll die einstmal so bedeutende Hohe Straße sein? Aber Blicke in die Karte und in das umliegende Gelände lassen nicht viele Alternativen: Der Höherrücken zwischen dem Kreßbachtal links und den Kocherzuflüssen rechts ist schmal. Wenn die alten Fuhrleute unnötige Steigungen vermeiden wollten, dann muss es wohl hier entlang gegangen sein. Das krautige Stück ist auch noch nicht einmal einen Kilometer lang. Vorbei an einem verwilderten alten Obstbaumstück, und schon bin ich wieder auf befestigter Straße.

Nun kommt auch die erste kleine Ortschaft in der Nähe des Weges in Sicht. Der Weiler Kressbach liegt im hier schon sehr flachen Tal des gleichnamigen Baches, und, wie es sich (laut Emil Kost) gehört, nicht direkt an dem alten Fernweg. Der führt auf der Höhe 300m an dem Dorf vorbei.

Jetzt ist es genug für heute. Ich überquere noch die Landstraße, die von Stein am Kocher über Kreßbach nach Siglingen an der Jagst führt und werfe einen Blick am Waldrand entlang. Es ist der erste Ausläufer des großen Harthäuser Waldes, durch den die nächste Etappe führt.

Auf gehts retour in Richtung Wimpfen. Als nach zehn Kilometern die berühmte Silhouette der alten Stadt in Sicht kommt, bin ich erschöpft, verschwitzt und ausgetrocknet. So fühlten sich also die Reisenden der alten Zeit! Ein Weg über die Höhen mag zwar seine Vorteile haben, aber ab und zu eine Quelle oder ein kleiner Bach zur Erfrischung wäre auch nicht schlecht.